Wein der nicht fragt. Eine Geschichte über Intuition, die Liebe zur Heimat und dem Miteinander von Mensch und Natur.

"Je weniger ich rede, desto höher ist der Grad an Selbstverständlichkeit", sagt Ewald Tscheppe und grübelt gleichzeitig darüber, ob er nun nicht schon zu viel gesagt hat. Weil die Dinge nur gut werden, wenn man sie lässt. Jedes Wort zuviel stünde da bloß im Weg. 

Ewald ist ein ruhiger, zurückhaltender Mensch. Dass er Weinbauer werden würde, stand schon früh fest, schließlich hat Wein in dieser Familie stets eine Rolle gespielt. Die Art wie er es tut, hat sich Stück für Stück entwickelt, ist das Substrat aus Erfahrung und Erinnerung. Die Tradition ist an jeder Stelle spür- und sichtbar, wie in der Küche des Hauses, die nun neu renoviert wird und an deren Wänden das Dekor dreier Generationen freigelegt wird. Jede Schicht erzählt ihre ganz eigene Geschichte. Die der Großeltern, der Eltern und jetzt auch die von Ewald, seiner Frau Brigitte und den drei gemeinsamen Kindern. 

Der Werlitsch Hof liegt in einer Senke, die Sonne lässt sich nur zu bestimmten Zeiten blicken. Steil ragen die Weinberge in den tiefblauen Himmel. "Man überlegt sich dreimal, ob man sich die Mühe macht, dieses Stück Land zu bewirtschaften", sagt Ewald und macht damit seiner Heimat die wohl größte Liebeserklärung. Neben den Menschen und der Art wie sie die Dinge tun, ist es vor allem der Boden der den Geschmack der Heimat prägt. Ewalds Reben stehen auf Sedimentgestein ("Opok") aus den Resten des hier einst wogenden Meeres. Das Leben der Rebe spielt sich in den ersten 5 bis 30 Zentimetern des Bodens ab, und kann je nach Situation auf unterschiedliche Wurzelsysteme zurückgreifen. Ist es trocken, wurzeln die Reben auf der Suche nach Wasser in die Tiefe, ist es feucht, bleiben sie an der Oberfläche. Die Rebe wisse eben selbst was gut für sie ist, sagt Ewald mit gewohnter Ruhe. Ein wenig Erziehung braucht es bei aller Gelassenheit aber dann doch. Ewald Tscheppe pflegt die sogenannte "Umkehrerziehung", eine ungewohnte und eigenwillige Erziehungsform, wie ein Relikt aus längst vergessenen Zeiten. Fast auf Augenhöhe spannt sich der Draht an dem die Triebe dann in einem Bogen nach unten gezogen werden. Und auch wenn andere Erziehungsformen einfacher wären, für Ewald kommt nur diese hier in Frage. "Ich habe sie von meinem Vater gelernt, sie ist perfekt für diesen Boden und die klimatischen Bedingungen die wir hier vorfinden. Sie erlaubt mir die Ernte hochreifer Trauben. Genau das ist es was ich für meinen Wein suche und was für mich stimmt."

Der Großteil der Reben am Werlitsch Hof wurde in den Jahren 1986 bis 1991 gepflanzt, nur der gemischte Satz stammt aus 1960 und ist damit noch älter. Die ehemals weitverbreitete Art des Weinbaus ist in der Steiermark selten geworden, ein Grund mehr, warum Ewald seinen gemischten Satz mit besonderer Sorgfalt pflegt. Damals wurden die Böden noch händisch umgegraben, eine Tatsache, die auch heute noch sichtbar ist. Ewalds Böden haben Struktur, keine Spur von Verdichtung und glattgebügelten Oberflächen. Uneben, wie das Leben selbst. "Mein Vater hätte sich damals wohl nichts sehnlicher als einen Traktor gewünscht, weil er die beschwerliche Arbeit leichter gemacht hätte" sagt Ewald. Heute ist er froh darüber, dass es nicht so war, Boden und Reben gesund geblieben sind. Ewald Tscheppes Leben ist frei von Kalkül, sein Handeln erinnere ihn manchmal an kindliche Naivität, sagt er. Das Etikett seiner Weine hat er geträumt, lange bevor er begonnen hat Wein zu machen. Überhaupt verlässt er sich bei fast allem was er tut auf seine Intuition. Das stärkt auch die Beziehung zu seinen Weingärten, die in den letzten Jahren noch intensiver geworden ist. Er liebt es Weinbauer zu sein, sich dem kreativen Prozess hinzugeben, beim Rebschnitt alle inneren Kanäle zu öffnen und den "Sound der Natur" zu spüren. Dann kommt man sich nah, und dabei ist es ganz egal ob man schweigt oder spricht.

Ewald Tscheppe ist bei sich, spürt die Dinge wenn sie richtig sind, ohne sie erklären zu müssen. Und auch wenn er in seinen Weingärten wie ein Einzelgänger wirkt, waren es Menschen aus seiner näheren Umgebung die ihn beeinflusst haben. Schwager und Nachbar Sepp Muster (Sepp ist mit Ewalds Schwester Maria verheiratet) und Bruder Andreas, aber auch die Winzer Roland Tauss und Franz Strohmeier. Sie alle gehören zur Gruppe "Schmecke das Leben", haben sich bewusst zu ökologischem und nachhaltigem Wirtschaften bekannt und einen für die Steiermark neuen Weinstil geprägt. Lebendige Weine, die sich durch Langlebigkeit und Reife auszeichnen.

Ewalds Weine verbringen zwei Jahre im Fass, bevor sie auf die Flasche gezogen werden. Charakter braucht eben Zeit. Im Keller wird nur noch begleitet was im Weingarten grundgelegt wurde. Ein fixes Bild vom Wein hat er dabei nicht im Kopf, vielmehr ist es ein Gefühl. Weine die er schätzt, müssen ihn bewegen, sich mit dem verknüpfen was Ewald als gesundes Wachstum versteht. "Die Natur macht ihre Arbeit, wenn alles stimmt, ist es ein perfektes System, in dem nichts verschwendet, sondern lediglich veredelt wird. Das System trägt und versorgt sich von selbst", sagt er. Der Mensch müsse wieder lernen sich von Abhängigkeiten frei zu machen. Es gelte eine Bewusstseinsänderung herbeizuführen, denn sonst könne man schon bald gar nichts mehr ernten. Die Natur wehrt sich gegen Ein- und Übergriffe des Menschen, schlägt teilweise brutal um sich. Wetterkapriolen die die gesamte Ernte bedrohen werden häufiger. Auch wenn die Ursachen dafür außerhalb seines direkten Einflussbereiches liegen, will Ewald Tscheppe in seinem System das richtige tun. Deshalb ist es auch ganz und gar kein düsteres Bild das er von der Zukunft zeichnet, sondern eines das Hoffnung macht. Wein ist ein Kulturprodukt, das ohne den Menschen nicht existieren würde, dennoch verträgt die Natur keine Künstlichkeit. "Hat der Mensch erst verstanden, dass er mit seinem Handeln Dinge positiv beeinflussen kann, ist Vieles möglich.", sagt mir Ewald zum Abschied. Die Biodynamie ist sein stilles Gewissen. Es nagt, sobald er spürt, dass er die Dinge noch besser machen könnte.