Wir stellen sie uns noch immer: Die Frage nach alpinem Wein.

Roland Graf ist Journalist, mit Schwerpunkt Wein und Hochprozentiges. Am Arlberg durften wir mit ihm genießen und diskutieren. Zum Thema Wein, hat er uns auf ITALISSIMO einen Blogeintrag geschenkt. Der Text stammt demnach von ihm, die Bilder von uns. 

Herrn Grafs italienische Trinknotizen. FOLGE 2 - Gibt es Alpin-Wein? Gewiss, aber halt nicht viel

Die gemischte Landwirtschaft - sagt das heute noch jemandem etwas? Dabei war diese Kombination aus Viehhaltung, Feldern und Weinbau die Regel in vielen Agrarregionen. Wird das jetzt ein Fruchtfolge-Crashkurs oder doch noch eine Weinkolumne? Keine Angst, wir kommen gleich zu einem wunderbaren Wein, dessen Existenz sich genau der kombinierten Landwirtschaft - und zwar ihrer alpinen Variante - verdankt. Vorher besuchen wir aber noch eine Diskussionsrunde am Arlberg.

Lange hatten wir nämlich beim Symposium der wunderbaren Initiative "Die kulinarischen Erben der Alpen" diskutiert, ob es denn auch einen alpinen Wein-Stil gibt. Vernünftige Impulse am Podium schlossen zum Beispiel Opulenz mit Hinweis auf die Geologie aus: „Das kann kein tiefgründiger, humoser Boden sein", erklärte etwa Gernot Heinrich aus Gols seine alpine Welt-Sicht. Christian Zündel aus dem Tessin sprach gar von der Energie des Gebirges, das ja bis heute noch wächst: „Diese Dynamik muss ein alpiner Wein wiedergeben. Das kann kein weicher und breiter Wein sein“, so der Schweizer. Dass der Wein kein Nebenprodukt in den Alpen darstellt, sondern vermutlich schon vor den Römern dort zu finden war, ergänzte Kulturgeograph Werner Bätzing. Bis auf 800 Meter sei am Südhang der Alpen Wein angebaut worden. Heute liegen Rebanlagen auch auf 1350 Metern Seehöhe, die im Val di Susa oder im Aosta erreicht würden.

Christian Zündel und Jörg Linke haben sichtlich Freude an der Diskussion

Christian Zündel und Jörg Linke haben sichtlich Freude an der Diskussion

Rettet den Lambrusco! (Aber den zerzausten)

Doch ausgerechnet die italienischen Winzer am Podium konnten dem Begriff Alpin-Wein wenig abgewinnen. "Was soll das sein" Nur die autochthonen Sorten? Woran macht man das fest?", meinte etwa der Südtiroler Clemens Lageder von "Tenute Lageder". Skeptisch war auch Emilio Foradori, der nach einem Philosophie-Studium in Tübingen doch im Trentino bei Teroldego-Meisterin Elisabetta, seiner Mutter, einstieg. Doch er schenkte kurz nach dem verbalen Geplänkel einen Wein ein, der wahrlich alpin zu nennen war. Um ihn - danke für die Geduld - soll es nun gehen. 

Die Sorte "Lambrusco a foglia frastagliata", deren zerzauste Blätter ihr den Namen gaben, kennt man heute praktisch nirgends mehr. Vor allem hat sie aber mit dem leicht moussierenden Massenwein der Emilia-Romagna wenig zu tun. Vielmehr gilt die seit kurzem "Enantio" genannte Traube als Verwandter von Rebsorten des Trentinos wie Casetta und Teroldego. Ers stellt ein klassisches Beispiel eines heldenhaften Weins ("vino eroico) dar, für welche die Organisation Cervim mit staatlicher Unterstützung Kriterien erarbeitet hat: Isellage, Terrassenanbau oder Höhenlagen prägen diese "heroischen" Weingärten. 

In unserem Fall machte Letzteres den Trauben das Leben schwer. Die Bauern schätzten den "Lambrusco a foglia Frastagliata" früher aber auch - wegen einer seltenen Eigenschaft: "Bei einer Infektion mit Peronospora konnte der Stock einzelne betroffene Trauben insolieren", schildert Emilio Foradori. Dass sich die Mehltau-Krankheit nicht ausbreitete, kam den Winzern zugute. Denn sie waren schlicht nicht hier, um sich um die Weingärten zu kümmern. Denn just zur kritischen Zeit der Trauben-Reife riefen ihre Tiere sie auf die Alm. Gemischte Landwirtschaft, wie wir anfangs schon sagten!

Danke, ihr Dolomiten-Sturköpfe!

Damit nicht genug, schützten die oft in Pergola-Form gezogenen Reben unter dem Blatt-Dach angelegte Gemüsegärten. Doch damit war in den 2000er Jahren Schluss, die großen Weinbaubetriebe brauchten ihn nicht, die kleinen Landwirtschaften gab es nicht mehr. Reales Business as usual halt. Auch im Trentino. Doch die Geschichte des Arten-Sterbens im Weinbau fand ein "happy end", als knapp 730 Rebstöcke eines wurzelechten, 1902 gepflanzten "Enantio" nach dem Tod des Eigentümers gerodet werden sollten. Doch zehn Trentino-Winzer wollten den Sortenschatz ihres verblichenen Kollegen Narciso unbedingt retten. Sie sicherten sich das halte Hektar in der Comune di Avio. 

„Per Ciso" (dt.: für Ciso) steht heute auf den gerade mal 3.000 Flaschen, die seit sechs Jahren von der eigens gegründeten Vereinigung „I Dolomitici“ im Foradori-Keller erzeugt werden. Der Duft nach roten Beeren, eine kräftige Art, vom Sandboden und dem Tannin befeuert, lässt den „Perciso 2012“ wirken, als wäre er ein Pinot Noir auf Steroiden. Die Estragon-Note des raren Trentino-Weins erinnert aber auch an St. Laurent.

Fast unisono waren wir beim Kosten der Meinung, dass der leicht heruntergekühlte „Perciso“ mit seinen 11,5% Alkohol ein idealer Sommer-Roter wäre. Der Alm-Sommer im Glas quasi. Wir tranken ihn aus. Auf Ciso! Und auf alle Freunde des alpinen Weins – egal, ob sie ihn so nennen oder nicht.

Wo bekomme ich den?
Der Gemeinschaftswein „Per Ciso“ ist in Österreich nicht leicht zu finden; den Jahrgang 2012 bietet www.vinaturel.de um € 20,50 an.

Weblink I Dolomitici