Geschmack der Zeit und der Sehnsucht. Ein Text von Lojze Wieser.

Erbe zu sein bedeutet, Verantwortung zu übernehmen. Lojze Wieser übernimmt Verantwortung. Wir bedanken uns für einen berührenden und nachdenklich machenden Text ...

I.

Sind wir heute nicht gerade dabei, die Geschmacksnerven zu verlieren? Denn tief in die Buntheit der entlegenen Dörfer greift die Hand der Zerstörung des sorgsam aufgebauten Gebildes, das auf den Knochen einiger Jahrzehnte Entwürdigung gewoben wurde. Durch wieder eingeflochtenen Hass. Wiederholungen der Geschichte, Tränen tropfen wieder, graben immer tiefere Furchen, werden zu Bächen. Statt des Mäanderns der Bäche stechen, unweit, nur quer übers Meer gen Osten, kilometerlange seelenfressende Stacheln und kalt zielende Gewehrläufe in Kinderaugen (und nicht nur in die), die keine Chance genossen, überhaupt über Genuss und Geschmack, geschweige denn deren Unterschiede, sich Gedanken zu machen. Sie haben einfach nichts, was sie wärmen könnte. Was ihr Leben würzt, ist belehrend-süffisante Kaltschnäuzigkeit in reichlich Scheinheiligkeit getauchter Verachtung, gepaart mit dem Vorwurf, warum sie sich aufmachten, über die Mauern des privilegierten Reichtums zu klettern, wo sie doch in Schutt und Asche auch weiterhin ausharren und auf die milden Gaben starren hätten könnten, ohne hier, vor Ort, das Tischtuch des Wohlstandes zu beflecken. Aber – Herrgott noch mal – sie machen sich auf den Weg! Allein. In Gruppen. In Verzweiflung. 

II.

Vor Kurzem sagte der legendäre Anti-Mafia-Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando: „Wir haben hier in der Nähe ein Städtchen, das hat 16.000 Einwohner. Im vergangenen Jahr hat es 38.000 Flüchtlinge beherbergt. Es kam zu keinem einzigen Zwischenfall! Die hergekommenen Menschen sind für uns die Sicherheit! Und die Sizilianer sind wieder geschlossener, sie sind Menschen geworden – durch die Flüchtlinge! Denn ihre Heimstatt ist aufgebaut auf den Fundamenten der Vorfahren von Flüchtenden, und die ist griechisch-arabisch-normannisch-hebräisch.“ 
Erst durch die feinen Aromen, die sich vermählen, wird Gemeinsames schmackhaft, wie die Pasta so zu einem Gedicht wird.

Die Sonne in den Früchten. Sizilien im Februar 2016

Die Sonne in den Früchten. Sizilien im Februar 2016

III.

Die Geschichte des Essens erinnert an die Geschichte der Sprachen, an ihren dauernden, lebendigen Prozess des Entstehens, Werdens und Vergehens. Auch Speisen erfahren eine ständige Veränderung, sie sind aber auch geduldig, sie können anpassungsfähig und ebenso rasant in der Entwicklung sein. Im Nu haben sie sich verwandelt, der Region entsprechend angepasst, neue Geschmacksnoten aufgenommen, wie sie aus den Strömen der modernen Menschenwanderung entstehen, und doch haben sie ihren Charakter, ihre Persönlichkeit nicht verloren. Sie leben von der Integration, sie saugen auf und wandeln um, was geboten wird; sie halten Ausschau, sie sind neugierig und wissensdurstig und schöpfen aus dem, was gerade im Überfluss (auf dem Feld, aber auch im Supermarkt) vorhanden ist, und bauen oft den Mangel als Geschmacksträger ein, der – heute noch, wie lange noch in unsren Breiten? – meist nur mehr aus der Erinnerung kommt, aber ich fürchte, zunehmend wieder Realität wird, im rasanten Auseinanderklaffen der Gemeinschaften. 
Ist nicht aus Ostgalizien – über Serbien, Rumänien und Dalmatien – die Bohnensuppe mit Nudelteig in die hiesige Gegend eingewandert? Haben nicht die Chasaren, von der anderen Seite könnte man meinen, über Südrussland und Andalusien, lange vor Marco Polo, das Wundergemisch – aus Mehl, Salz und Wasser – als Teigwaren mitgebracht, die unter den verschiedensten Namen als Ravioli, Krepplach, Makkaroni, als Farfel, Fetzchen, Flöggen, Flecken, als Mlinci, als gebrochene Fladen und Spaghetti und in vielen anderen Formen hier heimisch geworden sind und heute in der ganzen Welt ihre immer wieder neue Geburt feiern? 

IV.

Die elementaren Kräfte, Katastrophen zu überwinden, aus ihnen geschunden, aber nicht geschlagen hervorzugehen, sind es, die Menschen auszeichnen, deren Geschichten kaum gekannt, nicht verfilmt, selten erzählt werden, und doch Triebfeder der Phantasie und des Lebens sind. Ängste in Furcht, Furcht in Erkenntnis und Kenntnis in Wohlwollen zu verwandeln, ist die Kunst der immer neu gefundenen Kreativität, geboren aus dem Geschmack der Sehnsucht.

Lojze Wieser, ist Gourmet, Autor und Verleger mit Schwerpunkt auf südosteuropäische Literatur. Seine kulinarischen Reisereportagen führten ihn durch ganz Europa. "Bücher, Literaten, Übersetzer, Autoren ... sind per se Migranten, Exilanten", sagt er. "Sie sind und waren seit jeher auf der Flucht und haben doch, immer wieder, durch ihre Fragen, ihr Beschreiben, ihr Erzählen Wege zurück und Lösungen zur Bewältigung der Katastrophen aufgezeigt, Trost und Hoffnung gespendet. Wir sollten das Hoffen wagen", jetzt erst recht.