Weine, Vitalität und was passiert, wenn man die Dinge von der anderen Seite betrachtet (Kuhglockengeläut' inklusive) ...

10:30 RÖMIGBERG, nordwestlich des Kalterersees. Eine extrem steile, nach Süd-Südosten ausgerichtete Lage am Weingut Lageder. Ihr herzförmiges Zentrum hat einem der Spitzenweine den Namen gegeben: COR Römigberg. Es regnet. Und wir finden uns ein, um ein ungewöhnliches Schauspiel zu sehen. Es treten auf: Kühe.

Alois Lageder ist ein Bio-Pionier im Weinbau. Seit vier Jahrzehnten prägt er ganz wesentlich das Bild des Südtiroler Qualitätsweinbaus. Seine erste Begegnung mit dem Thema Biodynamie hatte Lageder schon sehr früh, im Gemüsegarten seiner Mutter. Bestimmte Arbeiten führte sie dort nur aus, wenn der Mond richtig stand. Alois lernt das überlieferte Wissen der Bauern kennen, macht Erfahrungen mit Homöopathie, Wünschelrutengängern und Kraftplätzen in der Natur. Heute warten er, Sohn Clemens und Önologe Georg Meissner - bei Lageder für Keller, Landwirtschaft, Forschung und Lehre zuständig - mit ein paar Freunden und Wegbegleitern auf die Ankunft von einem Dutzend Kühen. Sie werden im milden Klima rund um den Kalterersee überwintern, ganz pragmatisch und frei von jeder Esoterik. 

Der Römigberg 

Der Römigberg 

Die Tiere gehören Alexander Agethle. Seine Familie bewirtschaftet seit weit über 200 Jahren den Englhof im Obervinschgau. Seit einigen Jahren züchtet der Betrieb von Alexander Agethle eine bedrohte Rinderrasse, die vor einem halben Jahrhundert aus den Vinschgauer Tälern verschwand: Das Original Schweizer Braunvieh. Zwölf Stück dieser außergewöhnlichen Tiere, allesamt mit Hörnern versteht sich, werden heute hier ankommen. "Enthornte Rinder tragen ihre Konflikte häufiger mit Körperkontakt aus, da der gegenseitige Respekt geringer ist, ihr Sozialverhalten leidet darunter, da Hörner dem Imponiergehabe dienen", weiß der Züchter. Am Römigberg werden sie überwintern und dem Weingarten zu der Vitalität verhelfen, die er nach biodynamischen Grundsätzen und der Philosophie von Lageder braucht. 

Clemens Lageder führt fort, was Vater Alois begonnen hat

Clemens Lageder führt fort, was Vater Alois begonnen hat

Während sich die Tiere schon der Schnellstraße zwischen Meran und Bozen entlang Richtung Weinberg begeben, erzählt Georg Meissner von seiner Arbeit und der Art, die Dinge möglichst richtig zu tun."Es geht darum, das Leben von der anderen Seite zu betrachten", sagt er. Die Biodynamische Landwirtschaft habe ihn dazu gebracht Dinge die er bisher irgendwie betrieben habe, auch von einer anderen Seite zu sehen, ohne das Bisherige komplett in Frage zu stellen. Landwirtschaft duldet keine isolierte Betrachtungsweise, sondern ist ein Zusammenspiel vieler Dinge. Da gehören die Tiere im Weingarten ebenso dazu, wie der Bestand der Wild- und Kulturpflanzen. Gerade die Anwesenheit der Tiere fördere die Resistenz der Pflanzen und mache den Wein insgesamt vitaler. 

Das Original Schweizer Braunvieh auf dem Weg in den Weinberg

Das Original Schweizer Braunvieh auf dem Weg in den Weinberg

Als die Tiere gemütlich an uns vorbei in Richtung Weingarten traben, verstehen wir, wovon Georg Meissner spricht. Es wird plötzlich ganz selbstverständlich, Kühe im Weingarten zu halten. Keine zwei Minuten später haben sie das Herz des Römigberg eingenommen und ihr gleichmäßiges Kuhglockengeläut' klingt vom Berg herunter über die sonst so ruhige Landschaft. Clemens Lageder öffnet eine Flasche Wein, wir verkosten den Käse, den Alexander Agethle mitgebracht hat. Es herrscht fröhliche Stimmung im Weingarten, mit den Kühen, die hier den Winter verbringen werden. 

Text: Barbara Klein